Besetzung:
Mike Patton (writer/composer/producer/vocals)
Buzz Osborne (guitar)
Dave Lombardo (drums)
Trevor Dunn (bass)
Tracklist:
01. Delìrivm Còrdia
Ein langer, scheinbar ins Nichts führender Korridor. Flackerndes, kühles Halogenlicht, dessen Reflektion die Monotonie des sorgfältig gebonerten, schwarz-weiß gekachelten Fussbodens durchbricht. In Intervallen sichtbare dunkelrote, fast schwarze Schmierereien, die das vergilbte, leicht lumineszierende Minzgrün der Wände und der Decke wie pulsierende Adern überziehen. Paarweise angeordnete Türen zu beiden Seiten. Durch das Sichtfenster zur Linken scheinendes Zwielicht, das in unregelmäßigen Abständen in zuckende Stroboskopblitze umschlägt. Milchglasgedämpfte, schemenhafte Bewegungen auf der anderen Seite der Scheibe. Unter einen auf- und entladenden Defibrilator mischen sich die flatternden Ausschläge eines Kardioskops, die schnaufenden Betriebsgeräusche eines Beatmungsgerätes und knirschendes Hämmern, Sägen und Bohren, wie durch Knochen und Fleisch. Sauerstoffreiches, tiefrotes Blut, das unvermittelt gegen die Innenseite des Fensters klatscht. Schneidene Schreie, die synchron mit der, unter der Tür hervorwälzenden, dunklen Blutlache zu einem erhebenden Choral anwachsen und von der plötzlich zunehmenden, alles umfangenden Dunkelheit wieder zermalmt werden[...]
Solches oder so ähnliches könnte man wohl bei Einnahme des nun mehr dritten Streiches der musizierenden Zweckgemeinschaft Fantômas assoziieren. Blättert man während der Einwirkung in den visuell drastischen Inhalten der Packungsbeilage, pardon, dem Booklet, werden einem sehr schnell die passenden Bildersamen ins Unterbewusstein gesät, die mit fortschreitender Entfaltung der dargebotenen Klangteppiche eigentlich nur in, diese eine bestimmte Richtung keimen können.
Svrgical Sovnd Specimens From The Mvsevm Of Skin, so der, auch durchaus treffende, rückseitige Untertitel von Delìrivm Còrdia ist das, mit Abstand wohl unzugänglichste Werk von Tausendsassa Mike Patton, im Kreise seiner Mitstreiter Buzz Osborne, Dave Lombardo und Trevor Dunn. Drifteten der erste, selbstbetitelte Langspieler und besonders der Nachschub, The Director's Cut, auf ihre jeweilige Art und Weise, selbst für Aussenstehende noch in einigermaßen abgemessenen und entgegenkommenden Krach-Dimensionen, so verweigert sich das "Bewusstseinsgetrübte Herz" am vehementesten der akustischen 08/15-Verdauung. Angesichts eines einzigen, langen Mammut-Tracks von 74 Minuten und 17 Sekunden Bruttospielzeit auch nicht wirklich verwunderlich, wenn hier nicht wenigstens ein paar Leuten, spätestens auf halber Strecke die Galle hochkommt. Nimmt man sich hingegen die Zeit, um bedächtig und mit wachsendem Genuss auf diesem Ambient-Brocken herum zu kauen, eröffnen sich dem geneigten Hörer wahrlich beeindruckende Klang-Collagen, wie man sie vielleicht noch von der, über Tzadik erschienenden, angejazzten Lärm-Kollaboration Mike Pattons mit Alt-Saxer John Zorn, Pranzo Oltranzista im Ohr hat.
Wieder wurden, aus einem großen Pool von verschiedenstartigen Instrumenten bzw. eingespielten Instrumentierungen, Synthesizern, Samples und zweckentfremdeten Gebrauchsgegenständen einzelne Versatzstücke herausgefischt und zu kurzen, in sich abgeschlossenen Passagen zusammengedengelt. Und die wälzen und winden sich zuweilen derart beklemmend aus den Lautsprechern, das man sich fast hinter dem Sofa verstecken möchte.
So kann man, z.B. allein anhand einer gleichmäßig laufenden, gedämpften Windmaschine, in Verbindung mit hintergründigen Frauengesängen förmlich die riesigen Verbrennungsöfen der Hölle vor sich sehen, in deren reinigenden Fegefeuern Engel bei lebendigem Leibe eingeäschert werden. Und wenn das Ganze dann urplötzlich in ein pfeifend-kreischendes und (be)rauschendes Orgelinferno umschlägt, ist der Eindruck von den verzehrend heissen Flammen und den Todeschreien, die einem aus der, zur Seite geflogenden Verschlussklappe entgegenschlagen nahezu perfekt.
Ungleich entspannter, wenn auch nicht minder trügerischer hingegen wirkt, u.a. einer der späteren Abschnitte, in dem man von einer surreal anmutenden Geräuschkulisse aus hellen Anschlägen, wie von gegeneinander klirrenden Gläsern oder dünnen metallischen Gegenständen umgeben zu sein scheint. Photonen, die bei Kernspaltung oder Kernfusion von energieüberladenen Elektronen abgegeben werden, oder doch nur kollabierende Wassertropfen? Die Entscheidung fällt schwer.
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Fantômas - Delìrivm Còrdia
(10 posts)-
Posted 7 years ago #
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Einen der intensivsten Momente bildet jedoch das direkt vorangegangene Kapitel mit seinem tiefen, minimalistischen Pianospiel, unter das sich, nach und nach das geschäftige Tippen auf einer Laptop-Tastatur und vereinzelte Mausklicks mischen. An sich nicht weiter spektakulär, doch in Verbindung mit den langgezogenen, kindlichen Wehlauten eines Mike Patton und gleichsam "auf- und abklagenden" Synthie-Auswürfen überzieht das Ganze in seiner behäbigen und bedächtigen Art den Spannungsbogen fast bis zum berstenden Äussersten. Grossartig.
Und es sind genau diese mental bzw. unterbewusst angreifenden Momente, die Delìrivm Còrdia über weite Strecken wohlgefällig ausfüllen und den Lauschenden, nahtlos von einem Extrem zum anderen hetzen. Seien es wellenschlagende Brandungen, tickende und unvermittelt losschrillende Eieruhren, durch Bäume und um Ecken pfeifende Windhosen, plätschernde Regengüsse, tibetische Gebetsglocken oder O-Töne vom letzten Zahnarztbesuch, inklusive Wurzelbehandlung - was und wie sich dieser Mike Patton da alles aus den Rippen bzw. aus dem Sampler leiert, verweist sogar seine, sonst so formidabel dargebotene Sangesvielfalt auf die hinteren Ränge.
Bis auf viel zu kurze, u.a. mehrstimmige Passagen von (pseudo)italienischen und (pseudo)lateinischen Ansätzen, übt sich das Goldkehlchen dieses Mal, vor allen Dingen wieder in den bekannten, lautmalerischen Haaah's, Uh-Uh's, Huuuh-Huuuh's, Hmmmh's, aber auch brachial-orgasmischem Gekeuche/Gestöhne und hyperventilierenden Flachatmigkeiten. Von den, ebenfalls zu rar gesäten, immer wieder erstaunlichen vokal-akrobatischen Ausbrüchen, die neuerdings, u.a. mit mongolischen Gutturalharmonien gepaart werden, ganz zu schweigen.
Ähnlich mau verhält es sich da auch mit den restlichen Truppenteilen, die gerade mal, O-Ton Mike Patton, nur in fünf von sechs Fällen als ein schepperndes Gesamtkollektiv zu vernehmen sind - was auch tatsächlich ungefähr hinkommen könnte.
Während Buzz Osborne's gewohnt knarzig-dissonante Rifffetzen und Rückkopplungen eigentlich noch recht häufig zum Einsatz kommen und auch stellenweise in die harmonischen Spielweisen der The Director's Cut umschlagen, wurden die legendären, fellegerbenden Schiessbudenqualitäten eines Dave Lombardo doch arg zurückgeschraubt. Bis auf die einen oder anderen Cymbals, deren Anschläge, u.a. rückwärts abgespielt und vervielfacht eine Wand aus rotierenden Messern, wenige Zentimeter vor dem geistigen Auge entstehen lassen, darf der Ex-Ex-Schlachter nur zu Beginn, über den Mittelteil hinweg und zum krönenden Finale die Kessel etwas (schlag)kräftiger umrühren. Geradezu von den synthetisch erzeugten Bass-Linien aufgefressen wird Bassist Trevor Dunn, dessen souveräne (handgemachte) Zwischenspiele aber dennoch in ein, zwei Fällen eindeutig herauszuhören sind. Und da schmiegen sie sich, u.a. derart zärtlich an lateinamerikanische Maraca-Rhythmen, das man spontan den 20-Minuten-Reis für die Paella aufsetzt.
Die wenigen zusammen eingespielten (Kurz)Takes dienen dann, in der Regel "nur" als auflösende und/oder kontrastierende Akzente zu bestimmten Abschnitten, in denen der sakral anmutende Chor von wüsten Knüppeleien und harschem Saitengeschrammel befleckt wird oder einfach nur der eine oder andere Mahlstrom aus Congas, Rasseln und sizilianischen Gitarren in martialischen Todesschreien und rhythmischem Händeklatschen versiegt.Posted 7 years ago # -
Und nach knapp 54 Minuten von aneinandergereihten comatösen bzw. delirischen (Alp)Traumsequenzen erscheint es dann auch nicht gerade unpassend, wenn dem bisher so gehegten und gepflegten schleudertraumatischen Langhuber vom eigenen geistigen Vater ein würdiges Ende bereitet wird.
Man kann es sich fast bildhaft vorstellen, wie der Herr Patton, im Takt zu dem hackend-monotonen Stakkato von Schlagzeug, Gitarre und Bass, schwer keuchend und in bester Psycho-Manier, mit einem riesigen Steakmesser auf Delìrivm Còrdia einsticht. Fraglich, ob es Norman Bates auch eine gute Minute durchgehalten hätte, aber nach mindestens 100 klaffenden Einstichen scheint es dem, wahrscheinlich doch etwas ausser Atem gekommenen Komponisten dann doch zu genügen. Oder doch nicht?
Dank der springenden Nadel, die die letzten ca. 20 Minuten ausfüllt, wird man es wohl nie erfahren.
Bleibt nur noch mal darauf hinzuweisen, das es sich bei dem vorliegenden Drittling um den, bewusst eher ambient gehaltenen, "besseren" Ruhepol eines zweiteiligen Gesamtwerkes handelt, dass mit dem, angeblich noch in der ersten Hälfte dieses Jahres erscheinenden Gegenstück vollendet sein wird. Das es darauf entsprechend (traditionell) konträr zugeht, wie man es schliesslich auch von Fantômas gewohnt ist, dürfte dabei wohl ausser Frage stehen.
Zur Überbrückung der Wartezeit empfiehlt sich mit Delìrivm Còrdia der, förmlich dafür prädestinierte Totschläger, zu dem man auch gut und gerne die alleinstehende Frau von nebenan in der Badewanne zersägen könnte.
Turn on, tune in & nod out.
15/15 Punkte
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit...Posted 7 years ago # -
hammer review !!!!
die cd leg ich mir zu ! ! !!
Posted 7 years ago # -
moin disco,
hab mir die cd heute gekauft und bin total platt.
deine review trifft den nagel auf den kopf und ich unterschreib das voll und ganz.
Posted 7 years ago # -
...übrigens, die letzten 20 Minuten sind nich ganz von dem Geräusch einer knackenden Plattenspielernadel erfüllt.
ganz zum Schluß spielen die Herrschaften Fantômas noch einmal zum finalen Geknüppel auf.
Posted 7 years ago # -
Verrat doch nich' gleich alles... ;)...Posted 7 years ago #
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wow geiles review...ich muss die platte habenPosted 5 years ago #
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ich find die platte nicht so toll. soooo intensiv ist sie ehrlich bei weitem nicht, ich find sie besser zum nebenbei hoeren.
naja, geschmackssachePosted 5 years ago # -
verzeihung, aber das review find ich nicht so toll. viel zu kompliziert und subjektiv geschrieben.
halt dir vor augen, dass du leuten was vermitteln willst, nicht deine "kreativitaet" mit irrwitzigen saetzen und metaphern unter beweis stellen willst.Posted 5 years ago #
Reply
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